Zur Milchstraßendarstellung in Bayers Uranometria, 1603

Zur Milchstraßendarstellung in Bayers Uranometria, 1603

Der 1603 erschienene Sternatlas Uranometria von Johann Bayer gilt gemeinhin als erster moderner Himmelatlas und gleichzeitig als einer der bekanntesten[1]. Für eine ganze Ära setzten Gestaltung, Umfang und Inhalt dieses Werkes einen Standard für die Himmelskartographie[2]. Die Darstellungen des gestirnten Himmels haben dabei nicht nur aufgrund ihres künstlerischen Ausdrucks einen bleibenden Wert, sondern vor allem gilt die Uranometria als einer der ersten Himmelsatlanten, der wissenschaftlichen Ansprüchen genügt[3]. Außerdem wurde der Verlauf der Milchstraße mit aufgenommen, was schon für sich genommen die Uranometria gegenüber der deutlichen Mehrzahl an früheren Himmelsdarstellungen, aber auch gegenüber viel späteren Werken hervorhebt, in denen die Milchstraße oftmals vollständig unerwähnt blieb[4].

Während die von Bayer benutzten Sternverzeichnisse inzwischen recht gut bekannt sind[5], ist die Datengrundlage für den Verlauf der Milchstraße, die in der Uranometria auf insgesamt 29 Tafeln zuzüglich der beiden Übersichtstafeln abgebildet ist[6], bislang nicht untersucht worden. Die folgende

Arbeit beschäftigt sich mit der Identifizierung von wahrscheinlichen Quellen.

 

Eigene Beobachtungen

Die These, dass Bayer dem Milchstraßenverlauf in der Uranometria eigene Beobachtungen zugrunde legte, ist in jüngerer Zeit vertreten worden[7]. Diese Ansicht ist jedoch nicht haltbar, denn zum Einen ist die Milchstraße in ihrem gesamten Verlauf verzeichnet, also unter Einbeziehung der Südsternbilder, was mindestens eine Südreise Bayers vorausgesetzt hätte, die sicher ausgeschlossen werden kann[8]. Zum Anderen sind systematische Beobachtungen auch nur der nördlichen Milchstraße aufgrund einiger offensichtlicher Fehler in der Uranometria gegenüber dem wahren Verlauf ebenfalls auszuschließen[9]. Als Beispiele für solche Fehler seien das auffällige Loch in der Milchstraße in Cassiopeia, der Verlauf bei Deneb (a Cygni), der östliche Milchstraßenarm in Ophiuchus (fehlende Lücke im Milchstraßenverlauf, allgemein falsche Lage) und der Ort des Zusammenschlusses der beiden Milchstraßenäste  in Scorpius genannt.

Der Ausschluss systematischer eigener Beobachtungen Bayers bedeutet allerdings nicht, dass er in Einzelfällen nicht durchaus das Milchstraßenbild nach eigenen Beobachtungen korrigiert haben könnte – dies ist im Gegenteil sogar recht wahrscheinlich.  Davon zeugen auch einige Korrekturen in mehreren Sternkarten (v. a. Cassiopeia-, Cygnus-, Ophiuchus-Karte) die offenbar erst vorgenommen wurden, nachdem bereits eine erste Version des Milchstraßenverlaufs dort eingezeichnet worden war.

Almagest

Die zur Entstehungszeit der Uranometria um 1600 bei weitem detaillierteste, vor allem aber am weitesten verbreitete, verbale Beschreibung des Milchstraßenverlaufs ist im achten Buch des Almagest zu finden[10]. Praktisch alle bildlichen Darstellungen der Milchstraße im europäischen Kulturraum vor 1598 lassen sich auf diese Beschreibung zurückführen[11], weshalb eine Verbindung zur Uranometria trotz der Nichtverwendung der enthaltenen Sternpositionen durch Bayer (s. u.) zunächst plausibel erscheint. Eine unmittelbare Ableitung der Uranometria-Milchstraße aus dieser Beschreibung ist aber auszuschließen:   Zwar stimmt der Verlauf der Süd-Milchstraße (südlich von ca. -20° Deklination) meist gut mit der Almagest-Schilderung überein[12]. Die Abweichungen des Uranometria-Bildes der nördlichen Milchstraße zur Almagest-Schilderung sind allerdings zu markant, als dass ohne Weiteres eine Identität angenommen werden darf. Insbesondere die Breite des Milchstraßenbandes weicht in vielen Bereichen markant von Bayers Darstellung ab, zum Teil verläuft die Uranometria-Milchstraße an entscheidenden Stellen ganz anders als im Almagest beschrieben.  Referenz- oder Schlüsselstellen sind die Verläufe in den folgenden Bereichen: Orion – Taurus – Perseus – Cassiopeia – Cepheus – südlicher Scorpius, es konnten Markierungssterne identifiziert werden, anhand derer ganz konkret die Abweichungen quantifizieren lassen.   Trotz der eindeutigen Abweichungen ist der Almagest-Verlauf eine Referenz, gegenüber der andere Milchstraßendarstellungen bewertet werden können.

Datenquellen der Uranometria

Die der Uranometria zugrunde liegenden Positionsdaten der abgebildeten Sterne gelten als gut erforscht[13]. Weder Schöner noch Brahe haben allerdings je die Milchstraße in ihrem gesamten Verlauf verzeichnet oder auch nur beschrieben[14]. Es ist darüber hinaus wahrscheinlich, dass Bayer einen Himmelsglobus von Petrus Plancius oder Jodocus Honduis besaß[15]; diese Quellen sind für die Frage nach der Herkunft des Milchstraßenbildes in der Uranometria deutlich interessanter. Tatsächlich ergab eine eingehende Untersuchung[16], dass die Milchstraße auf dem Hondius-Globus von 1600 viele wesentliche Übereinstimmungen mit dem Verlauf in der Uranometria aufweist  (Abbildung 1); so viele, dass angesichts des auch idealen Publikationszeitpunktes sicher angenommen werden kann, dass Bayer die Grundzüge der Milchstraße von diesem Globus übernommen hat oder zumindest sich derselben Datenquellen wie Hondius bedient hat[17]. Allerdings war Hondius wahrscheinlich nicht Urheber dieses „neuen“ Milchstraßenbildes, sondern Willem Janszoon Blaeu, der schon 1598 einen absolut identischen Verlauf auf seinem ersten Himmelsglobus eingeführt hatte[18].

Abbildung 1: Großräumige Unterschiede der Milchstraßendarstellung zwischen Uranometria und Hondius/Blaeu (dunkel). Zugrunde liegen die Planisphärendarstellungen des Nordteils in der Uranometria. Feine, für die Unterscheidung aber wesentliche, Verlaufsdifferenzen sind in dieser Abbildung allerdings kaum erkennbar (Linda Hall Library of Science, Engineering and Technology).

Hondius / Blaeu -Referenz und weitere Quellen

Die Übereinstimmungen mit der Hondius-/Blaeu-Darstellung sind nicht nur im allgemeinen Verlauf groß (vor allem in der gegenüber dem Almagest deutlich vereinheitlichten Milchstraßenbreite), sondern vor allem bei den bereits erwähnten Schlüsselstellen, die positionsgenau identisch die Verläufe nachzeichnen.  Allerdings zeigt Abbildung 1 auch eine Reihe signifikanter Abweichungen beider Darstellungen, insbesondere in Perseus (Ausbuchtungen fehlen bei Bayer, stattdessen „begradigter“ Verlauf), Cassiopeia (Loch nur in der Uranometria-Milchstraße), Cepheus (Bogen), Cygnus (abweichende Breite des westlichen Milchstraßenarms) und Ophiuchus (südlicher Teil des östlichen Milchstraßenarms fehlt). Lassen sich die Abweichungen der Breite der Milchstraße noch zwanglos durch eine generelle Freiheit in der Darstellung erklären, so gilt dies nicht für die drei Strukturmerkmale in Cassiopeia, Cepheus und Ophiuchus. Insbesondere die Herkunft des auffälligen „Loches“ in Cassiopeia, die außer in der Uranometria in keiner anderen zeitgenössischen Darstellung bzw. Beschreibung auftaucht, bedarf einer Klärung. Wenn vorausgesetzt wird, dass Bayer primär den Hondius-Globus von 1600 nutzte, muss er also mindestens eine weitere Quelle zur Verfügung haben. Als Grund dafür, dass er überhaupt eine weitere Quelle zu Rate zog, kann angenommen werden, dass auf dem Hondius-Globus viele Bereiche der Milchstraße nicht klar erkennbar sind, weil die dominierenden figürlichen Darstellungen diese oftmals überdecken. Deshalb erscheint es plausibel, dass Bayer eine zweite Quelle zur Kontrolle bzw. Ergänzung nutzte – und diese muss eine schriftliche Quelle sein[19].

Doch hier tritt das bereits beschriebene Quellenproblem wieder auf, denn auch für schriftliche Quellen ist der Almagest wieder die umfangreichste Referenz, und alle schriftlichen Quellen der Zeit lassen sich entweder direkt auf ihn zurück führen bzw. sind Editionen der Schriften des Manilius, Hyginus usw. (siehe Fußnote 10) – es existiert anscheinend keine zugängliche Quelle, die davon unabhängig wäre. Damit bliebe aber das Problem der Abweichungen von Bayers Milchstraße vom Almagest erhalten, es sei denn, eine Quelle führte diese Abweichungen durch Fehlübersetzungen oder -interpretationen ein. Und eine solche Quelle existiert: Eine systematische Quellensuche ergab, dass Bayer die Epytoma in Almagestum Ptolomai  nutzte, erstmals aufgelegt 1496 und zu seinen Lebzeiten immer noch in Verwendung.

Epytoma in Almagestum als Quelle

Die von Peurbach und Regiomontanus erstellte Zusammenfassung des Almagest enthält in gegenüber dem Original etwas verdichteter Form auch dessen Milchstraßenbeschreibung[20]. Alle wesentlichen Strukturen des Milchstraßenverlaufs sind aber enthalten, auch diejenigen, die auf dem Hondius-Globus fehlen, in der Uranometria aber erscheinen; so der abzweigende Milchstraßenbogen im Cepheus (den die Uranometria überhaupt erstmals in bildlicher Darstellung zeigt) und der südliche Teil des östlichen Milchstraßenarms in Ophiuchus (einschließlich der Lücke im Verlauf bei z Serpentis). Natürlich reicht diese bloße Übereinstimmung als Nachweis der Verwendung durch Bayer auf keinen Fall aus – und es wurde ja bereits dargelegt, dass er die Almagest-Beschreibung im Allgemeinen gerade nicht als Primärquelle verwendet hatte. Ein eindeutiger Beweis für die Nutzung der Epytoma-Beschreibung für Regionen, für die der Hondius-Globus nicht genau genug war, konnte aber gefunden werden: Allein die Epytoma beschreibt im Bereich Cassiopeia eine Struktur genau auf die Weise, wie sie Bayer in der Uranometria verzeichnet: das „Loch“ in der Milchstraße – eine Struktur, die weder in anderen Quellen erwähnt ist (schon gar nicht im Almagest selbst!) noch der Wirklichkeit entspricht.

Angesichts der Entstehungsgeschichte der Epytoma erscheint es ungewöhnlich, dass eine nicht im Almagest verzeichnete Milchstraßenstruktur dort beschrieben wird. Doch es handelt sich schlicht um eine Fehlübersetzung: Im Almagest wird das das Milchstraßenband in der Cassiopeia  in seiner Mitte ausdrücklich heller („dichter“) als an dessen Rändern beschrieben:

„Alsdann umschließt die Milchstraße die Kassiopeia ganz mit Ausschluß des Sterns (i) am Ende des Fußes… Die Teile an den Rändern verlaufen in dünnerem Erguß, während die in der Mitte der Kassiopeia gelegenen eine in der Längsrichtung sich erstreckende Dichtigkeit zeigen.“[21]

Genau umgekehrt lautet die Epytoma-Beschreibung:

„Diese Zone umfasst die ganze Kassiopeia mit der einzigen Ausnahme des Sterns, der am äußersten Ende des Fußes ist. Und die äußersten Teile wirken dichter als die mittleren Teile, die an dieser Stelle der Milchstraße sind.“[22]

Der Fehler ist offensichtlich zu erkennen, und er erklärt hinreichend den Milchstraßenverlauf, wie ihn die Uranometria in Cassiopeia zeigt. Da sich der Cepheus- und der Ophiuchus-Verlauf zwanglos ebenfalls mittels der Epytoma-Beschreibung erklären lässt, kann sicher angenommen werden, dass Bayer die Epytoma in Almagestum als weitere Quelle für Informationen zum Milchstraßenverlauf nutzte.

Abbildung 2: „Loch“ in der Milchstraßendarstellung der Uranometria (Linda Hall Library of Science, Engineering and Technology); der Milchstraßenverlauf ist hier kontrastverstärkt wiedergegeben.  Zum Vergleich der Verlauf der wahren Milchstraße, wie sie sich dem bloßen Auge darstellt, laut Pannekoek[23].

Die verbleibenden Abweichungen der Uranometria-Milchstraße zur Hondius-Darstellung (das sind im Wesentlichen die Begradigungen in Perseus und Cygnus) konnten nicht zweifelsfrei auf eine diskrete Quelle zurückgeführt werden. Die Epytoma-Beschreibung könnte durch die verkürzte Wiedergabe der Almagest-Angaben prinzipiell  von Bayer in für seine Darstellung passender Weise interpretiert worden sein; der Text lässt sich durchaus entsprechend lesen. Die Verkürzung der Milchstraßenbeschreibung gegenüber dem Almagest  führt nämlich zu einer Reihe von Problemen bei der Identifizierung der Markierungssterne, anhand derer der Verlauf des Milchstraßenbandes beschrieben wird: Deren Benennung ist nämlich häufig nicht in Übereinstimmung mit dem Sternkatalog des Almagest.

Die Argumentationskette ist in diesem Fall aber zu schwach, als dass die Epytoma zweifelsfrei für sämtliche Abweichungen zwischen der Uranometria– und der Hondius-Milchstraße herhalten könnte – aber die Möglichkeit besteht und ist durchaus als realistisch einzuschätzen. Andererseits könnte die Begradigung des Milchstraßenverlaufs auch aus künstlerischen oder praktischen Gründen erfolgt sein oder schlicht ein Versehen. Hier bieten sich weitere Untersuchungen an.

Schlussfolgerungen

Bayer hat sich bei der Einzeichnung des Milchstraßenbandes in die Sternkarten der Uranometria im Wesentlichen zweier Quellen bedient: Dem Himmelsglobus von Jodocus Hondius aus dem Jahr 1600 und der Epytoma in Almagestum Ptolomei. Der Nachweis der Verwendung der Epytoma durch Bayer impliziert, dass er wahrscheinlich keinen „kompletten“ Almagest zur Verfügung hatte: Andernfalls hätte er sich für die Ergänzung des Milchstraßenverlaufs nicht auf die Epytoma verlassen, sondern gleich das „Original“ zu Rate gezogen.

[1] George Lovi betitelte in [=4 – Lovi 1987 Uranography yesterda…=], S. XVII, die Uranometria gar als „Gutenberg-Bibel“ der Uranographie. Siehe auch [=13 – Warner 1975 Johann Bayer and his…=], S. 18-19.

[2] Laut Hamel in [=6 – Hamel 2010 Die Himmelsvermessun…=], S. 41, ist „…Bayers Atlas als neue Stufe der Visualisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu sehen, aber auch einzugliedern in neue Ausprägungen der künstlerischen Gestaltung“. Die Uranometria beeinflusste viele folgende Atlanten, so Julius Schillers Stellatum Christianum (1627), Grotius‘ Syntagma Arateorum und Bevis‘ Atlas Celeste (1786) ([=11 – Warner 1979 The Sky Explored…=], S. 18). Vgl. auch [=3 – Kanas 2007 Star Maps…=]. Die Milchstraßendarstellung wurde ebenfalls von einigen Autoren übernommen, so von Hevelius für seinen Atlas Firmamentum Sobiescianum [=6 – Hamel 2010 Die Himmelsvermessun…=], S. 68).

[3] Siehe [=13 – Warner 1975 Johann Bayer and his…=]: Vor Bayer kommt höchstens Gallucis Theatrum Mundi et Temporis von 1588 in Frage. Die Tafeln dieses Atlasses enthielten bereits Winkelskalen, aus denen die Sternpositionen abgelesen werden konnten. Ein Katalogteil begleitete das Werk. Siehe auch [=6 – Hamel 2010 Die Himmelsvermessun…=], S. 32-33.

[4] Siehe Fußnote 9.

[5] Für eine Übersicht siehe z. B. [=8 – Swerdlow 1986 A Star Catalogue use…=]. Die Analyse der Sterndaten ist eng verknüpft mit der Dissertation Argelanders von 1844 ([=9 – Argelander 1842 De fide Uranometriae…=]).

[6] In der Uranometria erstreckt sich die Milchstraße über die folgenden Tafeln:

Tafel 3 (Draco), Tafel 4 (Cepheus), Tafel 7(Hercules), Tafel 8 (Lyra), Tafel 9 (Cygnus), Tafel 10 (Cassiopeia), Tafel 11, (Perseus), Tafel 12 (Auriga), Tafel 13 (Ophiuchus), Tafel 14 (Serpens), Tafel 15 (Sagitta), Tafel 16 (Aquila et Antinous), Tafel 17 (Delphinus), Tafel 20 (Andromeda), Tafel 23 (Taurus), Tafel 24 (Gemini), Tafel 29 (Scorpius), Tafel 30 , Sagittarius), Tafel 35 (Orion), Tafel 36 (Eridanus), Tafel 38 (Canis Major), Tafel 39 (Canis Minor), Tafel 40 (Argo), Tafel 41 (Centaurus), Tafel 44 (Hydra), Tafel 45 (Lupus), Tafel 46 (Ara), Tafel 47 (Corona Australis), Tafel 49 (Coelum Australis) sowie in den beiden Übersichtstafeln des gesamten Himmels (50 und 51). Damit ist die Milchstraße auf 29 Sternbildtafeln sowie auf beiden Übersichtstafeln abgebildet. Einige Milchstraßenregionen sind mehrfach abgebildet.

[7] [=6 – Hamel 2010 Die Himmelsvermessun…=], S. 68

[8] Abgesehen davon, dass keine entsprechende Reise Bayers bekannt ist, spricht zusätzlich die nachgewiesene Verwendung von Sternpositionen aus dem Südsternkatalog von Houtman statt möglicher eigenen Messungen spricht eindeutig gegen eigene Beobachtungen des Südhimmels. Zusätzlich weist die südliche Milchstraße in der Uranometria deutliche Abweichungen gegenüber dem wahren Verlauf und ähnelt deutlich der Almagest-Beschreibung, bei der Strukturen wie der „Kohlensack“ in Crux fehlen.

[9] Als Referenz dienen dazu die Karten des mittleren visuellen Milchstraßenbildes von Antonin Pannekoek aus dem Jahr 1920 (nördliche Milchstraße, [=7 – Pannekoek 1920 Die nördliche Milchs…=]) bzw. 1928 (südliche Milchstraße, [=35 – Pannekoek 1928 Die südliche Milchst…=]).

[10] Elly Dekker weist  in [=58 – Dekker 2013 Illustrating the Pha…=], S. 77-78, allerdings nach, dass Beschreibungen des Milchstraßenverlaufs, die älter als die Almagest-Beschreibung sind, in einigen Details abweichen, die für die Betrachtungen in dieser Arbeit allerdings keine Rolle spielen. Dekker nennt hier als wesentliche Schriften unter anderem die Beschreibungen in der Astronomica des Manilius und vor allem im Werk de Astronomica, Bücher III und IV, von Hyginus. Im Übrigen enthält die Almagest-Beschreibung kaum Details innerhalb der Milchstraße (also besonders helle bzw. dunkle Stellen) sondern im Wesentlichen Angaben zum Verlauf der mit dem bloßen Auge sichtbaren Grenzen. Trotzdem beschreibt nur der Almagest wichtige Strukturen, die in allen anderen Schilderungen fehlen, so der Milchstraßenverlauf in den Füßen der Zwillinge (Gemini), in Sagitta, vor allem aber in der Tiara des Cepheus sowie in Orion, Canis Minor und Canis Maior.

[11] Tatsächlich ergab eine Analyse, dass Darstellungen der Milchstraße in astronomischen Werken bis 1600 ganz wesentlich auf dem Almagest beruhen. Als Beispiele seien die Himmelsgloben von Hans Dorn, Johann Schöner (1533) und Gerhard Mercator (1551) genannt. Die Übereinstimmung der Darstellungen auf dem Mercator-Globus mit dem Almagest-Verlauf war so groß, dass sie für diese Arbeit sogar als Referenz für den Vergleich mit der Uranometria-Darstellung herangezogen wurde.

Auf den bekannten Planisphären von Dürer und Heinfogel (1515) ist die Milchstraße ebenfalls abgebildet; somit erschien sie gleich auf der ersten vollständigen gedruckten Himmelskarte der Neuzeit, die bekanntermaßen den Stil folgender Autoren maßgeblich prägte ([=11 – Warner 1979 The Sky Explored…=], S. 71-74). Tatsächlich finden sich alle wesentlichen Merkmale der Dürer-Milchstraße in vielen anderen Werken der Zeit bis 1600. Es fehlt auch durchweg der südliche Teil des westlichen Milchstraßenarms in Scorpius – ein charakteristischer Fehler, der in der Vorlage zu Dürers Planisphären – dem Manuskript MS 5415 der Österreichischen Nationalbibliothek ([=59 – Gensfelder 1434/1435 MS 5415, f. 168r and…=], noch nicht erscheint, den aber sogar Globenbauer des späten 16. Jahrhunderts übernahmen (nicht allerdings Mercator). Der Milchstraßenverlauf ist auf den Planisphären ansonsten sehr exakt gemäß der Almagest-Beschreibung verzeichnet, was Jürgen Hamels Aussage widerlegt, die Milchstraße sei dort „nur in groben Umrissen“ wiedergegeben ([=6 – Hamel 2010 Die Himmelsvermessun…=], S. 68).

[12] Interessanterweise fehlt in der Übersichtsdarstellung (Tafel 51 in der Uranometria), wie bei den früheren Autoren der Zeit, ebenfalls der südliche Teil des westlichen Milchstraßenarms in Scorpius, die auf den entsprechenden Sternbildtafeln allerdings abgebildet ist. Die Hauptunterschiede im südlichen Teil bestehen im Bereich Ara / Lupus (fehlende Ausbuchtung in der Uranometria) und in der Milchstraßenbreite im Bereich Argo / Canis Maior.

[13] Die wichtigste Quelle ist sicherlich Friedrich Wilhelm Argelanders Dissertation([=9 – Argelander 1842 De fide Uranometriae…=]). Siehe auch [=8 – Swerdlow 1986 A Star Catalogue use…=], wo eine Verbindung zu Schöners auf dem Almagest basierenden Katalog von 1551 gezogen wird und die Verwendung des Braheschen Katalogs von 777 Sternen eindeutig gezogen wird.

[14] Bayer lag Julius Schöners Opera Mathematica vor ([=26 – Schöner 1551 Opera mathematica Io…=], siehe [=8 – Swerdlow 1986 A Star Catalogue use…=], S. 193). Zwar ziert das Frontispitz eine Abbildung eines Himmelsglobusses, der auch einen Teil der Milchstraße zeigt; außer einem kurzen Hinweis (lediglich auf S. LXXXVIII, bei der Beschreibung der relativen Lage der Sternbilder, wird einmal auf eine besonders helle Stelle der Milchstraße im Bereich Sagitta hingewiesen, sowie deren Lage am Südhimmel „zwischen vielen Sternbildern“) enthält dieses Werk aber keine Informationen zum Milchstraßenverlauf. Auch in Tycho Brahes Werken, die posthum erschienen waren, finden sich außer zwei Teilabbildungen der Milchstraße keine verwertbaren Daten. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass die Abbildung des Globus Magnus in Brahes Astronomiae Instauratae Mechanica 1610 eindeutig den Milchstraßenverlauf entlang der Wintersternbilder zeigt. Es ist aber davon auszugehen, dass die Milchstraße, soweit sie überhaupt dort verzeichnet war, dem Almagest-Verlauf entsprochen hatte: Jacob Floris van Langren hatte 1594 einen Himmelsglobus publiziert, der erstmals auf Brahes Sterndaten basierte, wie er sie auf dem Globus Magnus verzeichnet hatte; dessen Milchstraße entspricht aber eindeutig dem Almagest-Verlauf. Als Kepler 1606 seine Schrift de Stella Nova über die Supernova in Ophiuchus publizierte, bezog er sich bei der Beschreibung des Milchstraßenverlaufs in der Region sogar explizit und wörtlich auf die Almagest-Beschreibung. Dem gegenüber steht allerdings Blaeus Milchstraßenverlauf auf seinen Himmelsgloben ab 1598 (auch Blaeu hatte Brahe besucht und Daten vom Globus Magnus kopiert; dies allerdings 1595 und damit zwei Jahre später als van Langren); darüber wird im Haupttext im Folgenden berichtet.

[15] [=11 – Warner 1979 The Sky Explored…=], S. 18-19. Warner schließt hierauf aus der Tatsache, dass Bayer die Südsternbilder gemäß dem Katalog von Houtman zeigte, der zum Publikationszeitpunkt der Uranometria wohl noch nicht einmal publiziert war ([=60 – Houtman 1603 Spraeck ende woord-b…=], S. 235ff), aber bereits 1600 in der Fassung von de Keyser erstmals auf dem Hondius-Himmelsglobus aus jenem Jahr in Form der dort abgebildeten Südsternbilder vorlag ([=11 – Warner 1979 The Sky Explored…=], S. 204).

[16] Untersucht wurden nicht nur die bekannten Quellen Bayers, sondern alle Darstellungen, die in [=11 – Warner 1979 The Sky Explored…=] beschrieben bzw. abgebildet sind.

[17] Ob Petrus Plancius‘ Himmelsglobus eine zur Erklärung des Uranometria-Verlaufs geeignete Milchstraßendarstellung enthielt, kann nicht mehr geklärt werden, da das einzige bekannte Exemplar diese Globusses im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde ([=61 – Hinze 1933 Drei Globen des. 16….=]; diese Quelle gibt aber keine Hinweise auf den Milchstraßenverlauf). Hondius‘ Globus weist jedenfalls alle für die Uranometria wichtigen Merkmale auf: Die Südsterne stammen von Keysers Katalog (den Bayer für die Südkalotte der Uranometria verwendet hatte) und die Milchstraße entspricht in weiten Teilen Bayers Darstellung. Dazu war der Publikationszeitpunkt 1600 früh genug, um Bayer ausreichend Zeit für eine Nutzung als Quelle für die Uranometria zu geben. Damit kann Plancius‘ Globus als Datenquelle Bayers ausgeschlossen werden.

[18] [=46 – Warner 1971 The First Celestial …=]. Es konnte nachgewiesen werden, dass Hondius‘ Globus von 1600 tatsächlich nicht mehr als eine Synthese zweier Plagiate ist, nämlich der Globen von Plancius und Blaeu, jeweils von 1598. Angesichts der natürlich auch in dieser Darstellung bestehenden Abweichungen und Fehler gegenüber dem wahren Milchstraßenverlauf kann auch bei Hondius/Blaeu davon ausgegangen werden, dass diese Darstellung nicht auf eigenen Beobachtungen, sondern auf mindestens einer weiteren Quelle beruht.

[19]  Eine leicht verfügbare bildliche Quelle, die die Einschränkungen des Hondius-Globusses nicht hat, hätte Bayer wahrscheinlich vorgezogen.

[20] Die Epytoma-Schilderung wurde mit den lateinischen Basler Ausgaben von 1541 und 1551 sowie der deutschen Übersetzung von K. Manitius in der Bearbeitung von O. Neugebauer ([=62 – (Claudius Ptolemäus) 1963 Handbuch der Astrono…=]) verglichen.

[21] Übersetzung aus [=30 – Ptolemäus) 1963 Handbuch der Astrono…=], S. 69

[22] Im Original: „Totam denisque Cassiopeiam comprehendit hec zona:dempta unica que in extremitate pedis est stella. Et partes extreme densiores vident partibus mediis que  in hoc loco vie lactee sunt“.

[23] [=7 – Pannekoek 1920 Die nördliche Milchs…=]